Leseprobe aus Bang Bang stirbt
April 1, 2005
„Kennen Sie jemanden, der ein Motiv für die Entführung von Bang Bang haben könnte?“, wollte Pachulke wissen.
Kaiser bekam einen roten Kopf. „Wie bitte? Sie haben doch das Bekennerschreiben gesehen, oder nicht?“
Pachulke überging diesen Einwand und murmelte etwas, das vielleicht Zustimmung signalisieren sollte. Lauter sagte er dann: „Was für ein Typ war Bang Bang?“
„Eigentlich ist er ein brutaler Killer“, sagte Nils Kaiser. „Aber die Haft hier hat ihn sehr ruhig gemacht. Er hat viel meditiert. Ich denke, unter meiner Obhut hat er sich mit seinem bisherigen Leben zum ersten Mal richtig auseinandergesetzt.“
Der Zoodirektor mischte sich wieder ein. „Die lange und harte Haftzeit hier ist für viele unserer Klienten eine Art ritueller Reinigung. Ein Fundament für einen Neuanfang oder so. Deswegen haben ihn die chinesischen Behörden auch an uns überstellt. Bei uns hat das Wort Strafe noch eine Bedeutung.“
„Hatte er besondere Kennzeichen?“, fragte Pachulke.
„Nein“, sagte Dr. Ukas Kern.
„Doch“, sagte Nils Kaiser. „Bang Bang hat eine lange Narbe am Hals. Kein Tierarzt hat sie richtig erklären können. Am ehesten konnte sie von einem Messer oder einer Klaue herrühren.“
„Aha“, sagte der Zoodirektor.
Zabriskie wechselte einen Blick mit Pachulke.
„Vorlieben, Abneigungen, Feinde?“, fragte dieser.
„Jemand mit so einem Vorleben hat natürlich Feinde, und natürliche Feinde auch. Die hat jedes Tier. Außerdem hasst Bang Bang Hunde. Er weigert sich strikt, ins Freigehege zu gehen, wenn er einen Hund bei den Zuschauern sieht. Auch wenn er dadurch seine kleinen Vergünstigungen aufs Spiel setzt, die ich ihm gewähren kann.“
„Sie meinen den Videorecorder?“, fragte Zabriskie.
„Ja, unter anderem“, erwiderte Kaiser.
„Aber das Video Rasierte Thai-Muschis, Teil vier gehört Ihnen?“
Wieder schmatzte Dr. Kern, und Nils Kaiser wurde knallrot: „Nein … das ist … das soll … in Gefangenschaft … die Hormone … zum Ausgleich … ein geschlechtsreifes Tier.“
„Ich sehe schon, Versorgung auf höchstem medizinischen Niveau.“ Zabriskie hob die Tüte mit den Filzpantoffeln hoch. „Die nehmen wir mit, für die Spürhunde. Die Videos brauchen wir nicht. Vielleicht haben Sie ja noch einen Gorilla, der sich ab und zu mal einen runterholen möchte. Gibt es hier sonst noch persönliche Habseligkeiten von Bang Bang?“
Kaiser zögerte einen Moment und sagte dann mit einem winzigen Stimmchen: „Es gibt da noch …“, er trat an einen kleinen Schrank und holte einen Pappkarton hervor, „… das hier.“ Er hob den Deckel, und Zabriskie sah einen Berg Postkarten und Briefe. Sie waren in kindlicher Jungmädchenhandschrift An den süßen Bang Bang oder An das süße Bärchen adressiert.
Kaiser sagte: „Das ist Fanpost. Das hier ist nur das Aufkommen der letzten Monate. Er war der absolute Star hier.“
Und du nicht, dachte Zabriskie. Ihr fielen die Pandaschneekugeln, Pandaradiergummis, Pandatopflappen und das andere Pandazubehör vorne am Kassenhäuschen wieder ein. Jeder Scheiß wird Merchandise. Sie nahm die Kiste mit der Fanpost in Empfang, ohne Kaiser dabei zu berühren.
„Weiß das Publikum, dass Bang Bang ein ehemaliger Mafiakiller ist?“, fragte Pachulke.
„Nein“, sagte der Zoodirektor. „Das ist geheim. Das soll unseren Tieren die Möglichkeit geben, ein unbescholtenes Leben zu beginnen. Außerdem sind sie nach außen hin natürlich Sympathieträger. Wer will schon ein Poster von jemandem kaufen, der Menschen bei lebendigem Leib Bambusschößlinge durch den Leib hat wachsen lassen?“
Pachulke nickte. Das hätte Dorfner interessiert. Zum Glück war er nicht hier.
Kaiser suchte in einem Ordner und überreichte Pachulke ein Foto von Bang Bang. „Das hier ist vier Wochen alt. Ich habe es für die neuen Autogrammkarten gemacht.“
„Autogrammkarten?“
„Ja, ein faksimilierter Pfotenabdruck.“
„Vielen Dank, das ist uns eine große Hilfe.“
„Wollen Sie eine Großfahndung nach ihm durchführen oder so?“, fragte der Zoodirektor.
„Wir wissen noch gar nicht, was wir machen. Entführungen sind immer heikel“, sagte Pachulke und hob die Hände, als wollte er den Zoodirektor segnen.
„Nicht dass die Entführer durchdrehen und ihn umbringen“, sagte der Zoodirektor.
Kaiser schüttelte den Kopf. „Das größte Risiko für Bang Bang ist die Ernährung. Pandas haben einen ausgesprochen sensiblen Magen. Denen können Sie nicht einfach einen Sack Karotten oder eine Dose Hundefutter hinstellen.“
Dr. Ukas Kern blickte auf seinen Mitarbeiter, als hätte dieser ihm gerade eröffnet, dass die Erde die Form einer Brezel habe.
Kaiser ließ sich nicht beirren. „Ich habe lange herum experimentiert, und mehr als einmal hat Bang Bang in seinen Käfig erbrochen oder Durchfall bekommen. Einer unserer Tierärzte war praktisch jede Nacht bei ihm. Es ist wirklich eine Kunst, einen Panda in Gefangenschaft zu ernähren.“ Er strich seinen Overall über dem Bauch glatt.
„Was kriegt er denn?“, fragte Pachulke.
Nils Kaiser stellte sich in Positur: „Bang Bang muss alle zwölf Stunden frisches Futter erhalten. Ein Menü besteht aus sieben Gängen, die stets gleich bleiben und die er in der immer gleichen Reihenfolge verzehrt. Zu Beginn gibt es siebenmal die Acht Kostbarkeiten. Das ist eine gemischte Gemüseplatte, unter anderem mit Wasserkastanien und Cashewnüssen. Danach folgen sechs vegetarische Frühlingsrollen. Als nächstes gibt es fünf Portionen Bambus mit Glasnudeln und Pilzen.“
Pachulke lief das Wasser im Mund zusammen.
„Dann bekommt er vier Lychees als Zwischengang, gefolgt von drei Tellern Bambussprossensalat und zwei Portionen Wan-Tan-Suppe mit Krabbenfüllung. Bang Bang verabscheut Schweinefleisch.“
„Die Suppe kommt zum Schluss?“, fragte Pachulke.
„In der chinesischen Küche kommt die Suppe immer zum Schluss“, erklärte Kaiser und zog die Augenbrauen hoch. „Den Abschluss bildet ein Glückskeks.“
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...ist Schriftsteller und Autor. Er wurde 1965 in Nürnberg geboren und arbeitet in Berlin als freier Rechtshistoriker. Veröffentlichungen: Bang Bang stirbt (Shayol, 2005), Das magische Jahr (Rotbuch, 2008), Die Wölfe (VGS, 2009). Regelmäßige Texte für die Wahrheit der taz und den Eulenspiegel.

