Ein Buch später – “Immer schön gierig bleiben”

Im September 2012 habe ich hier zum letzten Mal geschrieben. Danach folgte eine längere Pause. Es gab keinen besonderen Grund. Ich hatte andere Sachen zu erledigen. I’m known by many names. Im Frühjahr 2013 habe ich mit dem nächsten Buch begonnen, und vor zwei Monaten, Mitte November, ist mein neuer Kriminalroman “Immer schön gierig bleiben (http://www NULL.rotbuch NULL.de/?s=Immer+sch%C3%B6n+gierig+bleiben)” erschienen. Bei der Stoffsammlung, die im Hintergrund sowieso immer mitläuft, fand ich eine Schlagzeile, die so etwas wie ein Türöffner war: Von einem der auszog, sich selbst zu belügen. Der Verweis auf das Märchen “Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen (http://www NULL.1000-maerchen NULL.de/fairyTale/1015-von-einem-der-auszog-das-fuerchten-zu-lernen NULL.htm)” schuf eine Verbindung zur phantastischen Seite der Geschichte, die ich im neuen Buch unter anderem durch die Existenz riesiger wilder Müllkippen mitten in der Stadt erzähle. Die biographische Formulierung “Von einem, der” verlieh einer der Hauptfiguren die ersten Konturen. Erstaunlich, dass ein einfacher Satz, von jemand anderem in einem völlig anderem Kontext formuliert, diese katalytische Wirkung entfalten kann. Genau diesen Satz hatte ich gesucht, ohne zu wissen, dass er es war.

Ursprünglich hatte ich vor, einen bestimmen Tag in der Vergangenheit, der nur geschah, um die Lücke zwischen zwei anderen Tagen zu schließen, also kein historisches oder symbolisches Datum, zu rekonstruieren.  Ein Tag, der nur für sich selbst steht. Diese Idee ist in den Hintergrund getreten, obwohl der der 23. Juni eine wichtige Rolle spielt. Anstatt das Geflecht der historischen Details jenes Tages nachzuzeichnen, habe ich mich auf das Geflecht der Figuren konzentriert. Es sind viel weniger Figuren als in “Kleine Biester (http://www NULL.rotbuch NULL.de/buch/sku/66821/kleine-biester NULL.html)“, ich hatte mehr Zeit für jede_n Einzelne_n im neuen Buch.

Während des Schreibens gaben die Tasten t, z und o auf meinem Laptop den Geist auf. Die südamerikanische Raubkatze leopardus pardalis hieß plötzlich nur noch el. Die Kunstrichtung Rkk. Der derbe, obszöne Witz, der als gegen den guten Geschmack verstoßend empfunden wird, wurde zu e. Eine externe Tastatur habe ich beim Schreiben des Buches verschlissen, jetzt gehen funktionieren die Tasten auf dem Laptop wieder. Nicht immer, aber immer öfter.

50 Jahre “Bonanza” – 40 Jahre “Keine Macht für niemand”

In der Berliner Zeitung stand am 11. September 2012 ein hübscher Artikel (http://www NULL.berliner-zeitung NULL.de/panorama/kult-serie-50-jahre-bonanza,10808334,17218424 NULL.html) zum 50-jährigen Jubiläum der ersten Ausstrahlung von Bonanza. Ich wundere mich, dass noch niemand die Serie zum Kultobjekt der Schwulenbewegung ausgerufen hat. Vier Männer, keine Frau und ein Koch, das ist schon verdammt merkwürdig. Bei Donald und den drei Neffen gibt es ja wenigstens noch Daisy im Hintergrund. Nicht das Schaf, die Erpelette. In der sehenswerten Dokumentation The Celluloid Closet (http://en NULL.wikipedia NULL.org/wiki/The_Celluloid_Closet) (1995) von Rob Epstein und Jeffreey Friedman über Schwule und Lesben in Hollywood gibt es einen Filmclip, in dem Montgomery Clift(?) und noch ein Schauspieler(???) ihre Colts (Schwänze) eingehend vergleichen. Völlig unvorstellbar, dass Michael Landon und Lorne Greene…Dan Blocker als der geistige Großvater von Heath Ledger…Winnetou und Old Shatterhand sind ja auch ein Liebespaar.

Dan Blocker, der der Serie als Hoss von Anfang an ihr Gesicht gab, starb 1972 an einer Lungenembolie. Im gleichen Jahr brachten Bau, Steine, Erden Ton, Steine, Scherben ihre legendäre Platte heraus. Dazu gibt es jetzt in der Browse-Galerie in der Kreuzberger Marheinekehalle eine Ausstellung, unter anderen mit Fotos aus der WG-Zeit am Landwehrkanal. Der Beitrag im Tagesspiegel (http://www NULL.tagesspiegel NULL.de/kultur/ton-steine-scherben-tante-titti-und-das-rauch-haus/7061128 NULL.html) beschwört mal wieder die Verbürgerlichung durch Historisierung und Kanonisierung, es gebe jetzt sogar schon eine Rio-Reiser-Straße. Na, da hört sich doch alles auf. Seit Mozarts Zeiten hat es sich bewährt, dass revolutionäre Musiker anonym im Armengrab verscharrt werden. Bitte keinen Personenkult. Ist doch mal eine nette Abwechslung, dass man Straßen nach Linken benennt, die ihr Leben ausleben durften und nicht im KZ ermordet wurden oder in der Badewanne ertranken.

Weitere Kandidaten für Jubiläen der Pop und Alltagskultur wären ferner: 1952 -60 Jahre Wir werden das Kind schon schaukeln mit Heinz Rühmann oder John Steinbecks Jenseits von Eden. Man stelle sich vor, Rühmann hätte die Rolle anstelle von James Dean bekommen. 1962 WM Chile – 50 Jahre Juskowiak. Und im Oktober geht’s wieder gegen Schweden. 1972 – 40 Jahre Erste Folge von Raumschiff Enterprise im westdeutschen TV oder Gründung der Universität Tromsø (unendliche Weiten). 1982 – 30 Jahre Ein bißchen Frieden von und mit Nicole. 1992 – Gründung des Wu Tang Clan.

Die Erkennungsmelodie (http://www NULL.youtube NULL.com/watch?v=mjdRgBAY278) von Bonanza ist auch bei Youtube zu finden. Everett Sloane, der am Ende kurz zu sehen ist, spielte immerhin in Citizen Kane mit, wie auch Robert Altman bei einigen Folgen von Bonanza Regie geführt hat. Die Stadt, die auf der Karte in Flammen aufgeht, heißt Virginia City. Aufgrund der anmutigen Landschaft (See, Nadelgehölz, Wiesen) tippe ich eher auf Montana denn auf Nevada. Aber wahrscheinlich gibt es längstg drei Dissertationen zu den Außenaufnahmen bei Bonanza. Mein Lieblingsstück auf Keine Macht für Niemand ist der Paul Panzer Blues (http://www NULL.youtube NULL.com/watch?v=HtZIZmmU2XQ). Wie Bukowski, bloß zum Mitsingen.

Der Frauenschuh hört zu

Gestern war meine erste von sieben Lesungen im Rahmen der Berliner Sprachwoche (http://www NULL.sprachwoche-berlin NULL.de/). Eine feine Sache ist das. Schriftsteller_innen und Politiker_innen, Künstler_innen und Zelebrität_innen schwärmen aus, um der Bevölkerung das Lesen nahe zu bringen. Und die Bevölkerung strömt geschlossen zu den ausgewählten Örtlichkeiten, um sich Labsal und Erbauung zu verschaffen.

Ich durfte im Botanischen Museum in Dahlem (http://www NULL.bgbm NULL.org/bgbm/museum/) lesen, das sich im Botanischen Garten befindet. Ort der Lesung war der Blütensaal im zweiten Stock. Das Museum ist toll, es gibt riesige Blütenmodelle aus knallbuntem Stoff, größer als bei Robert Mapplethorpe. Vielleicht war ja auch Doris Dörrie hier, bevor sie ihre Cosi fan Tutte im Flower-Power Remix inszenierte. Dinge, die im Biologieunterricht so langweilig waren, dass ich mein Pult annagte, erschienen auf einmal triftig und spannend. Ich weiß jetzt zum Beispiel endlich, was eine Rispe ist.

Im Blütensaal gibt es herrliche Farbfotos von, genau, Blüten, und etwa 50 Stühle. Von denen blieben etwa 48 leer. Ab und zu kam ein Museumsbesucher vorbei, leicht zerstreut und auf der Durchreise. Ich las die Zeitung und wartete, saß da auf meinem graumelierten Stuhl wie die Spinne im Netz. Vor vielen Jahren spielte ich in einer Band und schon damals gefiel es mir nicht,  vorab eine Mindestzahl von Leuten festzulegen, vor denen wir spielen würden. Warum drei Leute enttäuschen, weil der vierte nicht kommen wollte? Und schließlich kam sie: meine Zuhörerin des Nachmittags. Unten am Eingang wollte sie erst gar nicht, als sie hörte, dass sie die einzige sein würde. Aber der freundliche Mann an der Kasse schickte sie nach oben.

Und da waren wir dann zu zweit allein zwischen Doldenblütlern, gebannt von den Abenteuern des brachialen Polizisten Dorfner, der in Kleine Biester (http://www NULL.amazon NULL.de/Kleine-Biester-Kriminalroman-Rob-Alef/dp/3867891362/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1346709401&sr=8-1) ein Klassenzimmer in Schutt und Asche legt. Das gefiel der Zuhörerin, am Ende zog sie vergnügt von dannen, nicht ohne vorher ein Buch gekauft zu haben.

Ob ich die Szene mit Dorfner noch einmal lese, mal sehen. Am Freitag bin ich in einer Integrierten Gesamtschule und am Ende fühlen sich die Schüler_innen zu irgendetwas ermuntert. Oder die Bewohner_innen des Seniorenstifts am Sonntag, zu denen ich am Sonntag gehe. Die sind meist weit über achtzig und mögen keine Gewalt. Auch die sollen für Literatur begeistert werden. Der Auftakt in Dahlem war verheißungsvoll: Alle, die da waren, haben ein Buch gekauft.