Magie und Wahnsinn

Möglicherweise haben wir uns ein klein wenig unbeliebt gemacht. Als Kristiansen das 3:2 schoß, sprang der Verfasser dieser Zeilen noch höher als Timo Hildebrand und hätte fast den von der Decke hängenden Beamer weggenietet. Die Stuttgarter Fans am Tisch dahinter waren auf einmal sehr still. Die sachkundige Begleiterin – die Tante des Verfassers, die beim letzten Pokalendspiel der Nürnberger 53 Jahre alt war – freute sich im Moment des vollkommenen Glücks eher still, hatte jedoch vorher keine Gelegenheit ausgelassen, Schiedsrichter Weiner ob der nicht gegebenen Roten Karte für F. Meira zu schmähen. Bis die Kaschemme unseres Vertrauens erreicht war, war ein langer Tag vergangen, der am Flughafen Tegel begann. Die Flugzeuge aus Nürnberg brachten die Clubfans in die Pokalmetropole. Sie teilten sich den Shuttle-Bus ebenso schiedlich-friedlich mit den Stuttgartern wie den Potsdamer Platz, die S-Bahn zum Olympiastadion, das Bier, die Zeltdächlein und die schmalen Brücken als der große, der sehr, sehr große Regen kam.

Eindrucksvoll war vor allem die kollektive und fraktale Vereinshistorie, die in den unzähligen Trikots erzählt wurde. Da gab es einen “Legat”(!) beim VfB ebenso wie einen “Störzenhofecker” beim Club, Balakovs und Köpkes, sogar trotzige Tomassons und in ernster Würde getragene Club-Trikots, die spontan und schmerzlich mit verschiedenen Abstiegen assoziiert werden konnten.

Wir hatten keine Karten, und erst als meine Tante in den ersten zehn Minuten unseres morgendlichen Zusammentreffens etwa zehn Mal gesagt hatte: “Laß uns versuchen, am Stadion welche zu bekommen,” war es beschlossen, dass wir uns in die Untiefen des Rot-Schwarz-Markts hineinbegeben würden. Wir fanden am Olympiastadion bald viele fränkische Fans, die ständig telefonierten, dicke Kartenbüschel aus den Hosentaschen holten und diese dann alsbald an freudig begrüßte andere Fans weitergaben. Die Stimmung war entspannt, und die Clubberer waren schon vorher leicht beschwipst nach dieser an Unglaublichkeiten nicht eben armen Saison. Wer hätte am 2. Februar 2007 gedacht, dass das 3:0 gegen Bayern am Ende nur eine hübsche Fußnote sein würde? Während die Stadionsprecherin die Gäste drinnen zum Frauenendspiel begrüßte, zog eine rabenschwarze Wand über dem Oval auf. Die Orkane, Taifune und Monsune kommen in Berlin immer aus dem Westen. Wir suchten Schutz am Bierstand und dann, nach den ersten wütenden Schauern auf einer Bank unter Bäumen. Ein schwerer Fehler. Eine Minute später war ich nass bis auf die Knochen. Meine Tante saß stoisch und trocken unter ihrem Schirm und sah zu, wie zehn Männer mit einem Bauchumfang von je zwei Metern unter einem Baum mit einem Stammumfang von dreißig Zentimetern Schutz suchten. Vergeblich. Bier hatte ihre wunderbaren Körper geformt und geformt, und in kürzester Zeit fiel auf die weißwurstweiß glänzenen Natursaitlinge soviel Wasser wie Bier in der abgelaufenen Saison in sie hineingekippt worden war.

Wir fragten uns: Welchen Einfluß hat der Regen auf die Kartenpreise? Eigentlich müßten sie ins Bodenlose fallen, denn jeder coole Spontanbesucher, der um 19.30 schnell mal noch ein Ticket hätte kaufen wollen, blieb jetzt zu Hause bei Frau und Kind und Plasmafernseher. Wir fanden einen, der 150 Euro für ein Ticket haben wollte. Für eine schwere Bronchitis war uns das zu viel. Im Fernsehen waren später freie Plätze zu sehen, vermutlich hatten sich die Tickets wenig später in wertlose Pulpe verwandelt. Plan K (Kaschemme) wurde eine realistische Option.

Dort angekommen, mußten wir feststellen, dass der fußballerische Nachwuchs bisweilen erhebliche Defizite aufweist, was sittlichen Ernst und innere Reife betrifft. Meine Tante hatte zwar ihr Clubtrikot in ihrer Handtasche dabei, zog es aber nicht an, weil wir nicht im Stadion waren. Das war auch besser so, denn das sehr jugendliche Publikum reagierte unsouverän, als wir uns anschickten, den Fußballabend unseres Lebens zu zelebrieren. Unseres bisherigen Lebens, denn der am Stadion unablässig besungene “Urrobbabogahl, Urrobabogahl” und eine neue Saison sind ja nur wenige Monate entfernt. Die Kneipe verspricht Fußball und Rock’n Roll, aber als eine echte Rock’n Rollerin über die Schwelle trat, verdrückten sich die Leute zum Tischfußball. Merkwürdig war auch, dass wir die einzigen Clubberer waren. Hatte nicht der VfB den ortsansässigen Verein im Viertelfinale ohne große Gegenwehr verputzt? Hatte nicht Hans Meyer Hertha vor dem Abstieg bewahrt? Nun gut, es war ja auch Karneval der Kulturen an diesem Abend. Also saßen wir mit einer Handvoll indigener Spätzles im Rücken vor der Leinwand, mit scheelen Blicken bedacht von Leuten, die ihr Bill-Shankly-T-Shirt noch von Mutti bügeln lassen.

Dann ging es los, und man kann nicht umhin, Timo Hildebrand beizupflichten. Das Einzige, was nicht grandios war beim denkwürdigsten Finale seit weiland Köln gegen Gladbach, war Schiedsrichter Weiner. Ob es ein Elfer für Stuttgart war, habe ich auch nach vielen Zeitlupen und Kameraeinstellungen nicht gesehen, beschweren können hätten sich die Nürnberger darüber nicht. Rot für Cacau war sehr hart, aber bei Tätlichkeiten gibt es nun mal kein Vertun. Gelb für Meira war eine Gnadenentscheidung. Ohne die Karte für Cacau wäre Meira wahrscheinlich vom Platz gegangen. Rot hätte Weiner auch geben können für Schäfer in der 80. Minute. Lehmann mußte für eine ähnliche Aktion im CL-Finale vom Platz letztes Jahr, auch Schäfer war letzter Mann. Dann wäre Klewer gekommen, der hätte gehalten, und es hätte keine Verlängerung gegeben. Interessant ist auch die Frage, wie das Spiel mit Cacau und mit Mintal weitergelaufen wäre. Nikl war in der Innenverteidigung gegen Cacau deutlich überfordert. Warum der schnelle Spiranovic nicht von Anfang an spielte, bleibt Meyers Geheimnis. Andererseits, dieser Mintal: zwei Jahre verletzt, macht das 1:0 in Hannover, macht das 1:1 gegen Stuttgart. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn dieser Ausnahmespieler vielleicht mal zwanzig oder gar dreißig Spiele in einer Saison macht. Der zurecht hoch gelobte Diego machte 13 Tore, Mintal 25. Nürnberg spielte ab der 30. Minute endgültig mit einer Notelf: ohne Glauber, Vittek, Mnari, Mintal, mit einem lädierten Saenko und einem Polak, der glücklicherweise gelernt hat, seine Nerven zu zügeln und wie immer gut ins Spiel fand. Meira, einer der fairsten Innenverteidiger der Liga, war übrigens untröstlich und beging in den restlichen 90 Minuten kein einziges Foul mehr, das sollte man auch erwähnen.

Wie gut die Stuttgarter trotz Unterzahl waren, zeigt der Umstand, dass kein Nürnberger auf die Idee kam, ihnen nach der Niederlage ein “Ihr seid Meister, keiner weiß warum.” hinterher zu singen, was sich ja anbieten würde. Jeder konnte sehen, warum sie Meister sind: Sie haben die technischen und taktischen Mittel, über die volle Distanz nach vorne zu spielen, sie sind großartig, wenn es darum geht, in ein Spiel zurückzukommen, sie haben außergewöhnliche Spieler, ohne dauernd von Leadership, Alphatieren und solchem Quark zu faseln: Khedira, Hitzlsperger, Hilbert und Meira. In diesem Endspiel trafen zwei der drei spielstärksten Mannschaften der vergangenen Saison aufeinander, das war zu sehen. Dass es nicht nur ein verdienter Sieg der Nürnberger, sondern auch ein Spiel war, das Maßstäbe gesetzt hat, macht den Gewinn des Pokals noch schöner.

Mein Spieler des Spiels war einmal mehr Andy Wolf. Er war bis auf den Ausrutscher vor dem 1:0 souverän und er bereitete das 3:2 vor. Holte sich den Ball am eigenen Strafraum, verlor ihn beinahe zweimal, ließ sich nicht beirren , nahm Fahrt auf und fand, wie bei seinem Lauf nach vorne vor dem 2:0 gegen die Bayern, den passend postierten Mitspieler. Die Szene des Spiels. Aus dem unbeholfenen Kanten ist ein kluger und moderner Innenverteidiger geworden. Wolfs Entwicklung steht für den Schritt, den der ganze Verein in den letzten zwölf Monaten gemacht hat.

Beim letzten Finale 1982 war ich in den USA und mußte mir das Ergebnis aus den vermischten Sportergebnissen des “San Francisco Chronicle” rauspulen, irgendwo zwischen Sumoringen, Amateurbaseball und Golf. Man fügte sich ergeben in sein Schicksal, der Club war eine Mannschaft, von der man wußte, dass eine 2:0-Halbzeitführung nichts zu bedeuten hat. Der Club war ein Depp und einige Abstiege später wurde das zum geflügelten Wort in Franken. Heute ist der Club kein Depp mehr. Gehen Sie mal davon aus, dass es nicht wieder 25 Jahre dauert, bis der 1. FC Nürnberg um einen Titel spielt. Meine Tante und ich freuen uns schon.

Kommentare zu “Magie und Wahnsinn” (5)

newskick.de
28.05.2007

Magie und Wahnsinn…

Welchen Einfluß hat der Regen auf die Kartenpreise? Dieser und anderen Fragen wird im taz-Blog nachgegangen….

Piero Glina
29.05.2007

»Meira, einer der fairsten Innenverteidiger der Liga, war übrigens untröstlich und beging in den restlichen 90 Minuten kein einziges Foul mehr, das sollte man auch erwähnen.«

Das ist ja mal kompletter Quatsch. Wenn Meira auch nur einen Nürnberger schief angeschaut hätte, wäre er sofort mit Gelbrot vom Platz geflogen. Das wussten er und Weiner, der nur Schiss hatte, Meira direkt nach Cacau vom Platz zu stellen. Meira aber nun als fairen Spieler darzustellen, der sich für sein brutales Foul schämt, halte ich für sehr weit hergeholt!

PaterRik
29.05.2007

Meira ist mit 5! Gelben Karten (0 Gelb-Rot, 0 Rot) schlicht und einfach einer der Fairsten Innenverteidiger der Liga PUNKT (A. Wolf hat hingegen 14! Stück aber das nur am Rande…). Außerdem hat er sich nach dem Spiel lange und ausführlich bei Mintal entschuldigt.

greez P.Rik

Dirk Winkelmann
31.05.2007

Hallo Herr oder Frau newskick.de,
im Gesamtkontext des Artikels “Magie und Wahnsinn” finde ich es schon überlegenswert, welchen Einfluß der Regen auf die Kartenpreise hat.
Es amüsiert jedenfalls mehr, als Piero Glinas Theorie, Herr Meira sei ein unfairer Innenverteidiger. Natürlich war der Einstieg Meiras gegen Mintal maßlos übertrieben und glatt rot. Doch den Spieler ob einer einzigen, unbedachten Aktion als nicht fairen Sportkameraden darzustellen, ist doch wohl so, als würde man Oliver Pocher wegen einer einzigen, unbedacht genialen Pointe vom Komödianten zum Kabarettisten machen.
In diesem Sinne: Halten wir den Ball doch einfach etwas flacher.

Piero Glina
03.06.2007

Meira spielt einfach beim falschen Verein 😉